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Die Wurmbrande

Die Steyermark, reich an Eisen und Männern, hat das Eigene, daß in ihrer Geschichte, in ihren Dichtungen, in ihrer Kunst, die Bezeichnung feuriger Kraft wiederholt vorkommt. Selbst des Landes Wappen: der rechtsblickende silberne Panther, aus dessen allen Öffnungen Flammen sprühen, soll auf des Landes feurige Kraft deuten. Und im gleichen Geiste versetzt die Sage den Ursprung der Wurmbrande in jene Zeiten , wo die deutsche Erde mit Urwäldern überdeckt war, in denen der Einöde wilde Thiere hauseten, da und dort ein wüster Pfuhl seine giftigen Dämpfe zum umwölkten Himmel sendete, und Basilisken und Lindwürmer in seinen undurchforschten Winkeln allen Geschöpfen zum Untergange auflauerten. Ein kecker, ritterlicher Held tödtete, wie Herkulesdie Lernäische Schlange, wie der Struthan von Winkelried den Drachen im Sumpfe von Weyler, wie der Ritter von Trautenau das Ungethüm , das noch jetzt im Brünner Tarhause hängt, einen solchen Lindwurm mit seinem guten Schwerte und einem lustig lodernden Brande, und hieß seit jener Zeit " der Wurmbrand". Dies die Sage von dem Ursprunge des edlen Geschlechtes der Wurmbrande; doch nennen Admonter Urkunden unter den ersten edlen der Steyermark schon 1130 einen Otmar von Wurmberg, welcher im goldenen Felde seines Wappens einen schwarzen Basilisken oder Drachen, mit ausgebreiteten Flügeln auf einem grünen Hügel stehend, führte, und von seinen zwey Söhnen Konrad und Leopold änderte der zweyte, zur alten Sage zurückkehrend, in etwas seinen Rahmen und sein Wappen, in dem er den schwarzen Drachen beybehielt, ihn aber ins silberne Feld stellte, und ihm in den Schnabel einen Brand steckte, der von beyden Seiten loderte: sich von dem Wurm und dem Brande, den Wurmbrand nennend. Durch die Söhne dieses Leopold hat sich das Geschlecht bis auf unsere Tage erhalten; denn Konrads männliche Nachkommen erloschen schon mit seinem Enkel, wenn auch durch die Vermählung einer Wurmbrand mit Einem von Pettau, die Wurmbrande in die Gesippschaft dieser mächtigen Familie kamen.

Die Probstey Glocknitz, hart an der heutigen Grenze von Steyermark, rings um von hohen Bergen eingeschlossen, und von so reitzender Lage und romantischer Schönheit, daß sie den Beynahmen Sorgenflucht (Curifugium) erhielt, ist das uralte Erbbegräbniß der Wurmbrande, und auf einem Grabsteine vom Jahre 1263 findet sich schon dieses Geschlechtes Ehrenbenennung als " Herren von Stuppach" verzeichnet. Ein Heinrich (III.) von Wurmbrand, der als Probst von Berchtolsdorf starb (1370) , bedachte das Erbbegräbniß seiner Ahnen mit vielen frommen Stiftungen, welche ganz den Geist jener Zeiten athmend, für die Seelenruhe der Hingeschiedenen sorgten. Sein Nahme findet sich in einer Menge gleichzeitiger Urkunden, und einem Documente, welches eben dieser Heinrich ausstellte, setzte seine erlauchte Gönnerinn " die Edle, Hochgeborene Fürstinn, Frau Johanna Herzogin zu Österreich" ihren Nahmen bey: jene kluge Fürstinn, welche dem Hause Habsburg die Grafschaft Pfyrt (Ferette) zugebracht hatte.

Dieses Heinrichs Bruder Helwig von Wurmbrand, wird der Erste unter den Wurmbranden in österreichischen Urkunden genannt. Von ihm bewahrt die Familie einen Schild, der auf seinem Rande achtmahl die Aufschrift führt: "ich maintz" : als Zeugen seiner mannhaften Gesinnung, welche er mit diesem Schilde und seinem Schwerte in der Schlacht bey Mühldorf (1322) und auf dem glänzenden Turniere erhärtete, das Friedrich der Schöne gab, ehe er ins Feld zog. Helwig von Wurmbrand wie die anderen Österreicher- und Steyrer - Herren hatten vor der Mühldorfer Schlacht in ihrer Ungeduld über die lang erwartete und immer ausbleibende Verstärkung eben so heftig in den König Friedrich gestürmt: er möge eingedenk seines Großvaters Rudolph, der am 28. September, morgen vor 50 Jahren die deutsche Kaiserkrone erworben, sie an selbem Tage durch einen Sieg seinem Gegenkönig, dem Bayer´schen Ludwig entreißen, und sich selbst ungetheilt aufs Haupt setzen: als heftig die Böhmen in den Reihen der Baiern fechtend, von ihrem ritterlichen König Johann gefordert hatten, den nähmlichen Tag das Fest ihres heiligen Herzogs Wenzel mit einem Siege zu feyern. Die Heere rückten auch an dem Tage aneinander, und der Ungestümm der Österreicher siegte; der kecke König Johann von Böhmen, immer voran fechtend, war unters Pferd geworfen und der Gefangenschaft nahe. Da wandte der listige Seyfried Schweppermann das Treffen, daß den Österreichern Sonne, Wind und Staub in die Augen kamen, und schickte den Burggrafen von Nürnberg in den Rücken der Österreicher, die ihn, weil er österreichische Fahnen vorhielt, mit Freudengejauchze als die ersehnte Hülfe Leopolds begrüßten, bis seine Schaaren zu metzeln anfingen.

Diese Mühldorfer Schlacht ist für sich selbst allein eine ganze Ilias von Großthaten und Zweykämpfen.- In der Ahnentafel der Zierotine gedachten wir des rasenden Ajar, Plichta von Zierotine, in jener der Kolowrate, der Helden Jaroslaw, und Bozek, die dreyundzwanzig Stuchse von Trautmannsdorf in der Mühldorfer, so wie die vierzehn Trautmannsdorfe, der Marchfelderschlacht Rudolphs und Ottokars sind in unsern Geschlechtstafeln gar oft wiedergekehrt, auch der Büffelskopf des Rrindmaul. Aber auch Helwig von Wurmbrand, glänzet ein Vordermann dieses Tages. Er und sein König Friedrich, hatten an diesem Tage, jeder, mehr als zwanzig Feinde mit eigener Hand erlegt. Das Treffen war schon aus, und nur allein um diese beyden Männer, den Heldenfürsten, und den Heldendiener, währte noch der grimmige Kampf. Da mußte der König, sich dem Rindsmaul ergeben, und um den einzigen Wurmbrand stand noch die Schlacht.—Erdrückt von der Menge, halb begraben unter seinem getödteten Pferd, schlug und stach er noch fort, weil er den einen Arm noch regen konnte. Da schrie ihm Alles zu: sich ritterlich und ehrlich zu ergeben, die Schlacht sey aus, der König sey gefangen, für Ehre und Ritterpflicht, habe er heute wahrlich genug gethan. – "Ich mains!" – schrie der stolze Streiter ohne Furcht und Tadel, und ein einhelliger Zuruf der Gegner jauchzte ihm Anerkennung. Er schrieb die Worte auf seinen Helm, in seinem Schild.—Sie sind so glorreich, daß jeder Wurmbrand, und jede Wurmbrand, sie auf Siegel, Ring und Kleinod führen sollte, zum ewigen Gedächtniß! – So prangt noch bis auf diesen Tag in der Helmzierde der Prinzen von Wallis, zwischen Gold und Straußenfedern, die in der Schlacht von Cressy, vom schwarzen Prinzen ersiegte Devise des dort erschlagenen, blinden Königshelden, Johann von Böhmen-Luxenburg : "Ich dien" , weil er als Bundesfreund des französischen Königs Philipp hergekommen. – Beide Devisen, des Königs und des Wurmbrand, "Ich dien" , und "Ich mains", leben ruhmbekrönt fort, im Gedächtniß aller Tapferen.

Gut und Habe der Wurmbrande mehrte ungemein Stephan, der sich in Urkunden schrieb: "Ich Herr Stephan, der Wurmbrand, Herr zu Stuppach". Durch Kauf brachte er Güter an sich von den Stuchsen von Trautmannsdorf, von den Familien von Rohr, von Fronau, von den Grafen Bernstein; ja das Wappen der Bernsteine kamen später durch Heirath in die Wurmbrand´sche Familie, wenn gleich Kaiser Friedrich IV seinen Lieblingen den Zebingen (Vater und Sohn) die große Grafschaft Bernstein sammt dem Wappen zusicherte. Stephan von Wurmbrand war wohlgelitten bey jenem biderben Herzog Leopold, der im Sempacher Verderben (1386) den Rath zur Flucht mit den edlen Worten abwies: "Es ist so mancher Graf und Herr mit mir in den Tod gegangen, ich will mit ihnen ehrlich sterben" und auch mit mehr als 656 Grafen, Herren, Rittern das Schlachtfeld deckte. Von diesem Herzog und seinen friedseligen Bruder Herzog Albrecht III. erwarb nun Stephan neue Lehen und neue Ehren; doch hinterließ er nur zwey Söhne: Simon und Lorenz.

Simon hatte bloß eine Tochter, welche den Schleyer nahm und noch vor dem Vater starb. Alleine Lorenz führte das Geschlecht fort, und erwarb ihm durch seine Vermählung mit Katharina von Emerberg einen neuen Vorzug. Die Dynasten von Emerberg hatten von jeher das Erblandküchenmeisteramt in der Steyermark verwaltet, und da mit Katharinens Bruder , der als Friedrich IV. auf +dem erzbischöflichen Stuhle zu Salzburg saß, das Geschlecht erlosch, kam dieses Erzamt an die Wurmbrande, die es bis heute besitzen. Diese nahe Verbindung mit Salzburg trieb Lorenz auch an, Theil zu nehmen (1388) an der Fehde vieler österreichischen Herren gegen den Herzog Friedrich von Bayern-Landshut, der den Erzbischof Pilgram in dem Kloster Raithenhaßlach gefangen hatte.

Der zweytgeborene Sohn Lorenzens von Wurmbrand und Katharinens von Emerberg, Friedrich von Wurmbrand, nahm den Titel eines obersten Erblandesküchenmeisters in Steyermark an. Er erhielt vom Grafen Hugo von Montfort jene Güter, welche ehedem der Familie von Stadeck, und vom Herzog Albrecht einige Besitzungen, welche in der Nähe Stuppachs lagen, und zum Wartensteiner Dominium gehörten (1437). Die großen Zwistigkeiten jener Zeit zwischen dem talentreichen Papst Eugen IV. und den Vätern des Baseler Conciliums, welche mit altrömischer Strenge und Consequenz gegen den Papst vorgingen, beunruhigten die Gemüther der Kaiser, Könige und Völker in der ganzen Christenheit, und erfüllten sie mit Unsicherheit um ihr Seelenheil. Friedrich von Wurmbrand und seine fromme Hausfrau Ursula wandten sich in ihren geistlichen Bedürfnissen fast zu gleicher Zeit an den Papst und auch an das Concilium, und erhielten von beyden Privilegien, die im Hausarchive noch vorhanden sind: jener gab ihnen eine Freiheit in Bezug auf die Wahl ihres Beichtigers und der gemachten Gelübde; von diesem bekamen sie durch den Cardinal Bernhard "vermöge der Autorität des allerheiligsten Kirchenrathes von Basel, der im heiligen Geiste rechtmäßig versammelt ist, und die allgemeine Kirche vorstellt", die Erlaubniß , zu ihrer und ihrer Hausgenossen Erbauung einen Tragaltar zum Messelesen zu haben.—Kaiser Friedrich IV. nahm diesen Wurmbrand in die Zahl seiner Ministerialen, denn er hatte dessen Tapferkeit bey der Belagerung der Neustadt durch Hunyad erfahren (1446) und erhielt eine neue glänzende Probe seiner Treue (1452) wieder in der Belagerung "der edlen und getreuen Neustadt" , als der graf Ulrich von Cilli herbeystürzte, die Auslieferung des jungen Königs Ladislaw vom Kaiser zu erzwingen, und im ersten Anfall auch in die Stadt gedrungen wäre, hätte der riesenkräftige Andreas Baumkirchner sich nicht unter die Pforte gestellt, und ein zweyter Cocles die Stürmenden zurückgehalten, bis ihm Hülfe geworden. Auch in der harten Belagerung, welche der Kaiser (1462) in seiner Wiener-Burg von seinem Bruder Albrecht zu erdulden hatte, stand Friedrich von Wurmbrand in den Reihen der getreuen kaiserlichen Mannen , und litt alle Beschwerden von Feindesmacht und Hunger, bis der böhmische König Podiebrad Rettung brachte. – Die unglücklichen Fehden des Kaisers mit seinem ehemaligen Mündel, dem König Ladislaw, stellten die Treue der Unterthanen oft auf harte Proben. Da Friedrich von Wurmbrand auch Güter in Österreich besaß, so rief ihn der König Ladislaw als seinen Unterthan in einem feyerlichen Briefe gegen den Kaiser auf: "daß Du auf das stärkist zugericht, als ins Feld gehört, mit Deiner Leute dem zehnten Mann zu Fueßen aufspringest" (1456). Der allgemeine Vater der Christenheit, der Papst, nahm sich den blutigen Hader zu Herzen und redete in starken Ausdrücken: "Es ist in der That eine verabscheuungswürdige Sache, daß ihr, aus einer Familie geboren, die nächsten Blutsfreunde und Vettern einander dergestalt anfeindet, daß Ihr sogar die Waffen gegen einander führet. Es ist zu bedauern, daß Euere Zwietracht Euer reiches und edles Vaterland mit Feuer und Schwert verwüstet, und daß Ihr jene Kräfte gegen einander aufreibet, die Ihr zum Schutze der christlichen Religion wider die Feinde des Glaubens gebrauchen sollet", -- gleichsam als schmerzte der Verlust einer Stadt, welche Christen wegnehmen, mehr, als der Verlust einer Provinz, welche die Türken entreißen. Die ernsten Worte wirkten, und der Friede wurde hergestellt. Nicht das letzte Blatt in dem reichen Lorberkranze dieses Wurmbrand ist es, daß er, entzündet von den Feuerpredigten, welche der begeisterte Franciskanermönch, Johann Capistran, in Wien auf dem Stephanskirchhofe von der Kanzel hielt, die heut zu Tage noch an der Nordseite außerhalb der Kirche zu sehen ist, zur Rettung des hart bedrängten Belgrads eilte, und diese Vormauer Ungarns in der Stunde der höchsten Noth mit den beyden Helden Hunyad und Capistan retten half. Zur Erinnerung dieser Rettung und des Sieges heiligte der Papst Calixtus den sechsten August durch die Einsetzung des Festes der Verklärung Christi, und ließ es durch die ganze Christenheit feyern.

Des treuen Friedrichs Söhne: Johann, Leonhard und Anton wurden tief verwickelt in die Unruhen ihrer Zeit. Leonhard schlug sich in einem Augenblicke des Selbstvergessens zu den Feinden des Kaisers, bereute aber bald und erhielt Verzeihung. Die Rädelsführer, Wolfgang von Zebing und Ulrich von Pößniz, nahmen den Johann von Wurmbrand als einen treuen Anhänger des Kaisers Friedrich IV. gefangen (1473) , setzten ihn in das feste Schloß Kranichberg, im Gebirge südwärts hinter Neunkirchen , und er konnte nur durch ein hohes Lösegeld seine Freiheit erlangen. Seinem Bruder Anton nahmen die Aufrührer damit der Kaiser nicht unterstützt würde, viele Güter weg, und Antons Sohn, Melchior, kam durch seine Treue und die Unruhen so herab, daß er, weil der Reichthum der Familie sich ungemein gemindert hatte, den Titel eines Erblandküchenmeisters zu führen aufgab. Wohl ertheilte ihm der Kaiser Maximilian I. aus besonderer Gnade (1511) wieder die Stuppacher Lehen, welche der herzoglichen Kammer anheimgefallen waren, da Anton von Wurmbrand sie zu nehmen venachlässigt hatte; allein die anderen Verluste ersetzten sich nicht so leicht.

Von Melchiors drey Söhnen: Hieronymus, Mathias, Sebastian, verrichtete der letzte, Kammerdienste beym Kaiser Ferdinand I., und ertrank unglücklicher Weise im Wienflüßchen (1554). Freyherr Hieronymus von Wurmbrand, Rath des weisen Maximilians II., war einer der Obercommissäre, deren geprüfter Treue der geächtete Herzog Johann Friedrich von Sachsen-Gotha zur Bewachung in Neustadt anvertraut war. Die Reformation, welche so viel Gährungsstoff in die Königreiche und auf die Familienherde warf, trieb seinen Sohn Melchior (den jüngeren) , der früher Johanniter gewesen, in schwedische Dienste zu treten. Die schwedische Krone lobte ihn ungemein als Gouverneur von Donauwerth und Lauingen, er vermehrte seinen Ruhm durch die Erfindung lederner Stücke, und erwarb reiches Besitzthum: die Graffschaft Juleta in Schweden, Blomberg im Elsaß, Ottobayern in Schwaben.—Alles fruchtlos, denn er starb ohne Kinder! – Mathias, des älteren Melchiors Sohn, ist durch seine Söhne Ehrenreich und Rudolph als der nächste Ahn der beyden Wurmbrandischen Linien, der österreichischen und steyrischen, zu betrachten. Das Glück blickte in Allem auf ihn mit freundlichen Augen, und der Erzherzog Carl von der Steyermark bestätigte ihn in dem Erzamte eines Erblandküchenmeisters (1578).

Der jüngere Sohn, Rudolph I., stiftete die steyrische Linie, die sich aber schon durch seinen Enkel, Georg Andreas II. (starb 1702) und Wolfgang Friedrich (starb 1704) in einen doppelten Zweig, den älteren und jüngeren, abtheilte. Rudolph II., Graf von Wurmbrand, der Sohn des Georg Andreas II., ist der Urgroßvater des Georg Ehrenreich, der als Oberstleutnant des Chevaurlegers-Regimentes Rosenberg bey Hanau für die deutsche Freyheit focht und starb (30. Oct. 1813).

Für den Stifter der jüngeren steyrischen Linie, für Wolfgang Friedrich, kaiserlicher Kämmerer und des Landes Steyer Obercommissarius, hatte das düstere Geschick einen unverdienten und gräuelvollen Tod bestimmt. Aufrührerische Bauern hatten sich einzeln in sein Schloß geschlichen, und als sie an dreyßig stark geworden, stürmten sie in sein Zimmer, schleppten ihn mit sich fort, führten ihn, während andere das Schloß plünderten, durch Dicht und Dünn, trieben ihn durchs Wasser, und einer stach ihn mit der Heugabel in den Rücken. Mit vielen Bitten erhielt der Gemißhandelte einen Beichtvater, der aber nur die heiligen Pflichten seines Amtes erfüllen durfte, und vergeblich die Wuth der Bauern zu besänftigen suchte. Nach Beendigung der Communion erschoß einer der Wüthenden den Grafen, und wer eine Büchse trug , feuerte sie auf ihn los, wer keine hatte, mußte den Leichnam mit Knitteln mißhandeln, "damit es hieße, einer wie der andere hätte Hand an ihn gelegt". – Seines jüngern Sohnes Leopold Sigmunds letzter Nachkömmling Georg Heinrich, starb erst in unsern Tagen (1812), nur sechs Jahre nach dem Tode seines Vaters Franz Joseph,, der den Gesandschaftsposten in Kopenhagen und Neapel bekleidet hatte. Die Nachkommen des älteren Sohnes Franz Carl blühen noch fort, und der Enkel dieses Franz Carl, der Graf Franz Joseph von Wurmbrand, starb in hohen Ehren als geheimer Rath und Gouverneur von Galizien (1801).

Dieses Wenige mag von der jüngeren Linie und ihrem doppelten Zweige genügen, und den Weg bahnen, um zu der älteren Linie zurückzukehren. Der nächste Ahn beyder Linien, Mathias, hatte außer Rudolph noch zwey andere Söhne: Johann, der vor Raab (1592) sein Leben verlor (so wie vor Raab, vor Totis, vor Kanischa, vor Papa, mehr als ein Mahl Wurmbrandisches Blut floß), und Ehrenreich (Honorius) , den Stifter der österreichischen Linie, welcher mit Sibilla von Zebingen sich vermählte, die das Erbe Raittenau in die Familie brachte.

Ehrenreichs und Sibillens Sohn, Johann Ehrenreich, schien mit Glücksgütern überschüttet zu werden. Des Kaisers Gnade erhob ihn mit seinen Vettern von der steyrischen Linie in den Grafenstand des heiligen römischen Reichs; seine Gemahlinn Johanna Eustachia, eine Tochter des Grafen Johann von Althan, gebar ihm zehn Söhne und dreyzehn Töchter; er selbst erreichte ein kräftiges und fröhliches Alter von 85 Jahren (starb 1691), und durch seinen fünftgeborenen Sohn, Johann Eustach, erblickte er zwölf Enkel, darunter zwey Helden in den Türkenkriegen, in den Feldzügen am Rhein und in den Niederlanden: Christian Sigmund und Casimir Heinrich, und einen dritten, Johann Wilhelm, der in der Toga noch größer war, als seine beyden Brüder im Kriegskleide.

Christian Sigmund lebte zuerst , da sein Bekenntniß ihn vorzugsweise in den Dienst eines protestantischen Hofes trieb, als Kämmerer an dem glänzenden Hofe Friedrich August von Pohlen, und sah den Ausbruch des großen nordischen Krieges, der Pohlen in seiner Schwäche zeigte, Schweden von der künstlichen Größe herabschleuderte, und Platz machte, den Koloß des russischen Reiches aufzustellen. Er trat in österreichische Dienste, und in dem denkwürdigen Jahr 1704, dem Jahre des Hochstädter Sieges durch den Prinzen Eugen und den Herzog von Marlborough, dem Jahre des glücklichen Vordringens des Erzherzogs und Königs Carl III. in Spanien, dem Jahre der Einnahme Gibraltars, dem Jahre, seit welchem dauernde Unglücke das alternde Haupt Ludwigs XIV. niederbeugten --eilte er zur Rheinarmee, Theil zu nehmen an den Kämpfen für der Habsburger Rechte im spanischen Successionskriege. – Die furchtbaren Eroberungen der Türken in Morea (1715) schreckten die christlichen Mächte auf. Der Kaiser verband sich mit Venedig gegen sie, und seine Generale, den edlen Eugen an der Spitze, eilten nach Ungarn und schlugen freudig die Osmanenin der berühmten Schlacht bey Peterwardein. Temeswar, der letzte Platz, den die Ungläubigen auf ungarischer Erde noch besaßen, wurde rasch erstürmt, und mit der fröhlichen Nachricht dieser Eroberung schickte Eugen seinen Liebling, den Grafen Christian Sigmund, an das Wiener Hoflager (1716). In dem Kriege um die pohlnische Succession vertheidigte Christian Sigmund als Feldmarschall-Lieutenant und Interims-Commandant der kaiserlichen Truppen in den Niederlanden, das feste Schloß Grävenburg bey Trarbach an der Mosel gegen die Übermacht des vordringenden Belle-Isle (1734). Das kommende Jahr brachte ihm die Würde eines Generals der Cavallerie. Mit allem Feuer eines Jünglings bereitete er sich, 64 Jahre alt, zu den neuen Feldzügen gegen die Türken vor, allein der Tod entriß ihn noch früher seiner Laufbahn. Er starb kinderlos und als Protestant (1737):

Sein Bruder Kasimir Heinrich war einer der Commissäre, welche den Grafen von Seckendorf vor ihr Gericht riefen, um zu untersuchen, ob das Unglück des Feldzuges 1737 mit voller Schuld auf sein Haupt falle? Der österreichische Successionskrieg forderte mehr als jeder andere, treue und kluge Helden, und Casimir Heinrich durchritt als einer der besten Reitergenerale des ritterlichen Khevenhüllers, mit seinen ungarischen Scharen, siegreich die Länder Bayerns und trug die österreichischen Waffen bis an den Rhein.

Das Jahr 1745 führte den Grafen als Gouverneur der Festung Ath an die Dender. Die unsterbliche Königinn von Ungarn und Böhmen, die Seemächte, der König von Pohlen und Churfürst von Sachsen hatten eben die Warschauer Union gegen das feindselige Frankreich geschlossen, und Hollands Gesandter fragte lächelnd in der Gallerie von Versailles den Marschall von Sachsen: "was er von diesem Vertrage halte?" "Das ist völlig gleichgültig für Frankreich (antwortete der kecke Held), aber wenn der König, mein Herr, mir eine Carta bianca geben will, will ich nach dem Haag gehen, und noch vor Verlauf des Jahres das Original lesen". Um dieses Wort wahr zu machen, siegte er bey Fontenai, nahm die Städte Tournai, Gent, Brügge, Oudenarde, Dendermonde, Ostende, Neuport; Ath ergab sich nach muthigen Widerstande, die letzte unter allen Städten, dem Grafen Clermont_Galerand (8. Oct. 1745). Casimir Heinrich starb (1749) als geheimer Rath, General-Feldzeugmeister, Inhaber eines Infantrie-Regiments und Commandant zu Ath. Er war (1720) in den Schooß dere katholischen Kirche zurückgekehrt, und durch seine Gemahlinn mit dem Prinzen von Holstein-Beck verschwägert.

Johann Wilhelm, der Erstgeborene unter seinen Brüdern, vollendete seine Studien an der Hochschule von Utrecht, welche damahls noch nicht über ein halbes Säculum gestiftet, alle Schwestern von ganz Europa durch den Ruhm ihrer ausgezeichneten Lehrer übertraf, denen der Jüngling durch die Bekanntmachung seiner ersten Schrift: Forum principum sacri imperii romano-germanici, einen dankbaren Tribut zollte. Die österreichische Linie der Wurmbrande, welcher er angehörte, hatte in den stürmevollen Zeiten der Religionsbefehdungen, aus Liebe und Anhänglichkeit an den protestantischen Lehrbegriff das Vaterland verlassen; Johann Wilhelms Vater, begünstigt durch die mildern Gesinnungen des Kaiser LeopoldsI., war mit den Häuptern anderer angesehenen Familien zurückgekehrt auf die theure Muttererde, für die seine glanzvollen Ahnen gewirkt und gelitten hatten, und der Kaiser hatte ihm auch wieder ertheilt, was von den alten Gütern noch vorhanden war. Diese Ehrenschuld abzutragen, und der Altvordern Verdienste in den seinigen der Welt kund zu thun, trat der Sohn Johann Wilhelm frühzeitig in Staasdienste, und fand nach dem vorschnellen Tode seines Vaters einen welterfahrnen Leiter seiner Jugend in dem Grafen Dominik Andreas Kaunitz, dem Großvater des berühmten Staatskanzlers, der aber in seiner Zeit fast keinen geringeren Ruhm durch seine diplomatischen Talente, vornehmlich durch den Abschluß des Ryßwicker Friedens (1697) erwarb, als in späteren Tagen sein Enkel. – In den dornenvollen Geschäften des vielverwickelten deutschen Reiches begann der Graf Johann Wilhelm seine öffentlichen Dienste, und schon in dem Jahre des Ryßwicker Friedensschlusses wurde er zum Reichshofrath ernannt. Eben diese deutschen Reichsgeschäfte führten ihn in den Kreis der archivarischen Studien, um über Lehen und Gesetzgebung, über die Verhältnisse des Chur- und Fürstencollegiums und aller Stände zu einander, über Erbfolgen und Hausobservanzen, über Ansprüche an auswärtige Staaten und Titel der landesherrlichen Machtvollkommenheit Ansichten zu erhalten, welche durch Documente beglaubiget sind, und es ist fast unglaublich, was er in all diesen Puckten beleuchtet, welches Unbekannte er ans Tageslicht gefördert hat?! Er schuf die neuere Organisation des Reichshofrathes und seiner Kanzley, und das Hauptwerk seines gelehrten Fleißes und zugleich das Hauptwerk über österreichische Genealogie: Collectanea genealogico-historica ex archivo inclytorum Austriae inferioris statuum ut et aliis privatis scriniis documentisque originalibus excerpta enthält von mehr als 4000 Urkunden Auszüge, die mit einem Geiste geordnet sind, der sich durch seine Männlichkeit und Schärfe weit von jenem unterscheidet, mit welchem man so gern die Genealogie zu behandeln liebte. Der Verfasser dieses gediegenen Werkes, wenn ihn auch übergroße Bescheidenheit hinderte, demselben seinen Nahmen vorzusetzen, heißt mit Recht der "Vater der österreichischen Genealogie", denn 70 edle Geschlechter, zu seiner Zeit blühend, sind darin verzeichnet, ihre Geschichte aus Urkunden erzählt, und in einem Anhange, der nicht minder wichtig ist, als das Hauptwerk, sind die Erbämter der österreichischen Provinzen behandelt. Jenes wie dieses mit einer so erstaunlichen Gelehrsamkeit, daß man schwer begreift, wie ihm Zeit zu seinen Staatsgeschäften, die er doch für seine wichtigsten Pflichten hielt, geblieben? Schon 1722 kehrte er mit seinem ganzen Hause zur katholischen Kirche zurück; 1726 wurde er und die ganze österreichische Linie seines Hauses in einem zu Rothenburg an der Tauber gehaltenen Grafen-Convent in das fränkische Grafen-Collegium aufgenommen und mit Sitz und Stimme wirklich eingeführt; 1728 erhielt er die Ernennung zum Reichshofraths-Vicepräsidenten. Von seinem Kaiser und dem großen Eugen geehrt, und durch den Kreis seiner ausgebreiteten Studien vor allen Andern hierzu berufen, war er es, der mit dem großen Leibnitz in Correspondenz trat über eine Vereinigung der Katholiken und Protestanten: ein Plan, der bey dem Übertritt der Mutter unserer unsterblichen Kaiserinn Maria Theresia, der Fürstin Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel,als Braut des ( nachmahligen Kaisers Carl VI.) zum Katholicismus viel besprochen wurde , den der beredete Bossuet, das Licht und der Ruhm der französischen Kirche, und Leibnitz vielfältig mit einander beleuchtetet, den der Churfürst Georg von Hannover eifrig förderte – und vereitelte, sei er, auf den Thron von Großbritannien berufen, sah, in welchem Hasse man in England gegen den Katholicismus aufwogte? Mit Leibnitz besprach der Graf Wurmbrand noch einen andern Plan. Nach dem Tode des ersten Königs von Preußen schien die von diesem und von Leibnitz gestiftete Berliner Akademie der Wissenschaften ganz einzugehen, weil der neue König Friedrich Wilhelm wohl viel Sinn für die Sparsamkeit und das Militär, aber gar keinen für die Musen hatte. Nach Wien, an den Kaiserhof sollte sie nun verpflanzt werden, und wo hätte es damals einen günstigeren Ort gegeben als das schöne Österreich, wo im tiefsten Frieden ein milder Fürst herrschte, der die Wissenschaften für die Zierde seines Thrones hielt, und ihnen an der Burg seiner Väter den prächtigsten Palast der Hofbibliothek baute, wo der edle Prinz Eugen, der wie sein herrlicher Gegner, der Marschall Villars, sagen mochte: "es gibt nur zwey Freuden in der Welt, einen Preis im Collegium davon tragen, und eine Schlacht gewinnen", sie mit königlicher Großmuth förderte, wo in den Abteyen Melk, Göttweih, St. Blasien auf dem Schwarzwalde (damahls österreichisch) , Lilienfeld, Kremsmünster und in den Häusern der Jesuiten , Untersuchungen vorgenommen wurden, welche heut zu Tage nur von sehr wenigen sind überbothen worden? – Als der Graf von Wurmbrand (1741) bey der Kaiserwahl die böhmische Churstimme führte, und die Kaiserkrone an ein anderes Haus als an das österreichische kommen sah, legte er vor Schmerz alle deutschen Würden nieder, zog sich von den Geschäften zurück, und verfocht in Staastschriften die Rechte der hart bedrängten Königinn von Ungarn und Böhmen. – Nach dem Tode des unglücklichen Kaisers Carl VII. half er als erster böhmischer Wahlbotschafter den Kaiser Franz wählen, und als die Wahl im Frankfurter Dome verkündigt wurde, both die große Maria Theresia ihrem geehrten Restor die Fürstenwürde an. Einfach und bescheiden, wie er in Wort, Schrift und That zeitlebens gewesen, lehnte er sie mit ehrfurchtsvollem Danke ab. Er starb (1750) ein achtzigjähriger Greis in den höchsten Ehren, als Ritter des goldenen Vließes, geheimer Rath, Reichs-Conferenzminister und Reichshofrathspräsident und ruhet zu Wien bey den Augustinern.

Der Enkel dieses großen Johann Wilhelm ist der Graf Gundakker Heinrich von Wurmbrand, den der uralte Glanz seines Hauses und eigene Verdienste zum Ritter des goldenen Vließes, des Leopoldordens und vieler auswärtiger Orden Großkreuz, und zum Obersthofmeister Ihrer Majestät der Kaiserinn Königinn erhoben, und welchen vaterländische Wissenschaft und Kunst unter ihre kenntnißreichsten Freunde und wärmsten Beförderer zählen.